„Spiel das Leben laut! , sagt Frau H.“

Ein Hörspiel

Dieses Hörspiel ist wie ein Spiel, ein Spiel mit Tönen und Stimmen. Es spielt auf dem Planeten Life. Es geht darum, die eigene Existenz mit Lebenssinn zu beschützen. Das Leben auf diesem Planeten kann ein wundervolles Vergnügen sein, für Körper und Geist. Aber es gibt einen Feind auf diesem Planeten – das Monster Sinnlosigkeit. Es lebt davon, das Vergnügen auf dem Planeten Life zu zerstören.

In diesem Spiel hat jeder Spieler einen Joker – seine Innere Stimme. Dieses Spiel fühlt sich auch nicht an wie ein Spiel. Jeder Spieler erhält zu Beginn eine Rote Leine, um im Kampf gegen das Monster besser gerüstet zu sein. Die Rote Leine gibt dem Spieler ein Gefühl von Sicherheit. Wenn man sie immer festhalten kann, erhält man so viele Punkte im Spiel, dass man am Ende nicht verlieren kann. Nun ist dies aber ein Audioformat. In diesem Format gibt es einen „Mute -Regler“. Dieser kann die innere Stimme stumm schalten. Der Verlust der inneren Stimme ist gleichzusetzten mit dem Verlust der Roten Leine. Das kann zum Verhängnis werden für den Spieler.

Das Monster Sinnlosigkeit wird von der Roten Leine angezogen und kämpft mit aller Kraft dafür, sie für sich zu erlangen. Die Rote Leine hat ein anziehendes Aroma. Es ist für das Monster die Essenz des Lebens, es verleiht ihm Superkräfte.

Sobald der Spieler aus Unachtsamkeit seine Rote Leine an das Monster verliert, beginnt ein Spiel, das voller Herausforderungen und Anstrengungen ist, die kaum zu ertragen sind. Der Spieler ist extrem geschwächt, muss aber weiterkämpfen, denn das Ziel des Spiels ist es, die Rote Leine wieder für sich zu gewinnen und dann weiter das Leben sinnvoll bis zum Ende leben. Am Ende des Lebens zieht man ein Tuch aus weißer Baumwolle an, und so vorbereitet trifft man auf den Tod – zufrieden und mutig.

Es ist eine interessante Tatsache ist, dass sich das Spielen um die Rote Leine überhaupt nicht wie ein Spiel anfühlt. Es ist nur das Leben. Aber das Leben fühlt sich unglaublich hart an, sobald die rote Leine verloren ist. Es wird sehr kompliziert, fast unerträglich.

Das Hörspiel „Spiel das Leben laut – sagt Frau H.“ verfolgt die inneren und äußeren Kämpfe von Aida K. – 49 Jahre alt, Mutter eines 11-jährigen Sohnes, Ehefrau, Hausfrau und Theaterschauspielerin. Rebellin. Sie hat ihre Rote Leine verloren. Sie kann sich nicht einmal daran erinnern, wann es genau passiert ist – sie kann es nicht mehr finden.

Sie fühlt sich verloren. Ihre familiären Verpflichtungen drängen sie, weiter zu gehen, auch wenn sie nicht weiß, in welche Richtung. Sie braucht ihre Rote Leine für ihren Seelenfrieden – Ihre Freude, ihren Beruf. Für Ihren Beruf – ihre wahre Freude – hat sie damals mit ihren Eltern viele Kämpfe ausgefochten, sie waren oft schmerzhaft. Sie hat sich gegen den Willen der Eltern durchgesetzt. Für Aida K. bedeutet der Besitz der Roten Leine , sie selbst zu sein, ihr Leben zu leben und nicht das Leben von jemand anderem, den sie nicht kennt und nicht mag. Ohne ihre rote Leine muss Aida K. nach den Regeln des  Monsters Sinnlosigkeit spielen. Das ist fürchterlich anstrengend. Sie wird des Spielens – des Lebens – müde. So müde, dass sie lieber den Planeten des Lebens verlassen möchte. Das Spiel nach den Regeln eines anderen spielen möchte sie nicht. Aida K.s imaginäre beste Freundin, Frau H., sieht, dass Aida K. beim Spiel des Lebens Hilfe braucht und steht ihr bei. Frau H. ist eine Frau mittleren Alters, die das Spiel versteht. Ihr Leben ist ein Kampf, aber ein Kampf um ihre Familie und sie ist ein Teil davon. Sie kocht gerne für die Jungs im Haus, ihren Mann und ihren Sohn. Sie hat gerne ein ordentliches Haus, sie findet Wäschewaschen kein großes Drama, Hof und Garten putzen ist für Frau H. keine bedeutende Sache. Für sie ist es normal, dass ein Großteil des Tages Hausarbeit ist. Das ist die Aufgabe einer Ehefrau, Hausfrau und Mutter. Für Frau H. ist es keine Frage, welche Ausbildung Aida K. hat. Aida K.´s Hauptaufgabe besteht genau darin, die Hausarbeit zu erledigen und fertig.Beide zusammen sind verbunden im Kampf gegen ein hart kämpfendes Monster. Manchmal haben sie sogar Spaß dabei.

TEXT “Selam Spacegirl”

KAPITEL EINS: GEFALLEN

1.a HOFFNUNG IST NICHT ZUVERLÄSSIG

In einem Schlafzimmer.

Aida K. liegt versteckt zwischen ihren Kleidern.

Sie hat Angst, sich zu bewegen.

Sie denkt, dass jegliche Bewegung das Monster Sinnlosigkeit provozieren wird. Das Monster hat bereits ihre Rote Leine.

Ihre Rote Leine war ihre innere Stimme, die ihr sagte, in welche Richtung ihr Leben geht. Sie liebte ihr Leben. Aber das Monster Sinnlosigkeit war stark, es nutzt die kleinsten Schwächen sensibler Menschen aus, um an ihre Roten Leinen zu gelangen.

Aida K. war einmal sehr stark.

Sie kämpfte darum, Schauspielerin werden zu dürfen.

Sie kämpfte gegen die Widerstände der Gesellschaft allgemein, aber auch gegen ihre traditionell eingestellten Eltern. Für die war es eine Schande, wenn ein Mädchen Schauspielerin werden will.

Viele Male weinte sie, so oft seufzte ihre Mutter schwer,

viele harte Worte wechselte sie mit ihrem Vater.

Aber es gelang ihr und sie gewann ihre Rote Leine. Sie begann als Schauspielerin zu arbeiten – sie hatte sich gefunden und ihre Rote Leine in ihre Hände genommen.

Eines Tages fand sie den Mann ihres Lebens,

er lebte weit weg. Weit weg von dort wo ihr Theater war, wo Ihre Stimme laut und selbstbewusst war, wo sie ihre Sprache sprechen konnte. Und wo sie mit sich und ihrem Körper im Reinen war.

Sie dachte, sie würde die Rote Leine auch fern der Heimat, an ihrer Seite behalten, in dem Land, in dem ihr Mann lebte. Aber als sie sie am meisten brauchte, stellte sie plötzlich fest, dass die Rote Leine weg war. Sie war weg, und sie umgeben von fremden Gewässern. Das war der Moment in dem sie von der Existenz des Monsters Sinnlosigkeit erfuhr.

: Frau H., ihre beste imaginäre Freundin, kommt, um die Garderobe zu ordnen. Sie sieht Aida K. daliegen. Sie fragt laut: „Aida K. Aida K. Was ist passiert?“

Aida K. starrt in ihre Dunkelheit und hofft, eine Sternschnuppe zu sehen…

„Hoffnung ist nichts auf das man sich verlassen kann!“

sagte Frau H. „Steh auf, große Mädchen schlafen nicht so lange. Nimm dieses weiße Baumwollkleid und zieh es an! Du weißt nie, wann das Schicksal dich treffen kann. Sei vorbereitet! Beweg Dich! Vielleicht bekommst du Deine Rote Leine wieder, vielleicht musst du in eine andere Welt ziehen. Aber wenn du Angst hast, dann hat das Monster gewonnen. Lass das nicht zu!”

Dann sieht sie Blutflecken auf dem weißen Stoff.

„Estagfirullah! So kannst du es nicht anziehen! Gott beschütze uns! Lass es uns mit guten Taten waschen.  Indem wir anderen helfen. Oder wir bleichen Dein Ego. Andernfalls bist Du nicht vorbereitet auf den Kampf gegen die Sinnlosigkeit. Komm schnell! Schneller! Der Tod ist Dir schon ganz nah auf den Fersen.“

„Oder das Leben.“

„Oder das Leben.“

 

1.b. WENN DU PASSIV BIST  – ALLES IST PASSIV.

Auf dem Dach des Hauses. Winterzeit.

Es schneit heftig, der Himmel ist blau, es ist ein sonniger Tag.

Aida K. liegt im tiefen Schnee unter einem Baum.

Der Schnee unter ihrem Körper ist warm, sie kann sich aber nicht wegbewegen, woanders wird es kälter sein. Früher konnte sie jeden Ort mit Wärme erfüllen, den sie wollte. Aber jetzt ist es anders.

Ausländerin in dem Land, in dem sie lebt, Ehefrau, Mutter, 49 Jahre alt. Theaterschauspielerin ohne Bühne. Noch.

Also wartet sie – auf das von Gott gegebene Schicksal.

Frau H. kommt vorbei, will die auf der Terrasse aufgehängte Wäsche reinholen.

Die Wäsche ist gefroren. Sie sammelt sie ein und trägt die bunten Kleidungsstücke wie große Eisblöcke vor sich her.

Sie sieht Aida K., die unter dem schneebedeckten Baum liegt.

„Aida K. Was machst du da?“

„Ich habe versucht, meine Rote Leine da zu finden, wo ich sie zurückgelassen habe … Meine rote Leine. … Ich konnte sie nicht finden, wo ich sie doch so brauche. Ich kann mich jetzt nicht mehr hören. Hast du es gemerkt?” flüstert Aida K..

„Oh, Ehamdulillah, du lebst! Ich dachte, du bist tot. Komm mit mir! Wenn du Dich nicht bewegst – ist auch alles um Dich herum starr und bewegungslos.

Das Monster Sinnlosigkeit mag unsere Aktionen nicht. Lass uns dem Monster ein „Frohes neues Jahr“ wünschen. Die guten Wünsche werden es schwächer machen und wir können die Rote Leine wieder zurückerobern.“

In einer Hand trägt Frau H.  Aida K. in der anderen Hand die gefrorene Wäsche.

Sie gehen in Richtung des lächelnden, elfjährigen Jungen…

Es riecht nach Frühling.

Frau H. singt Aida K. ein Schlaflied:

„Nina Nina, Majka Sina“.

 

1.c MEHR SCHMERZEN – BESSERE FÄHIGKEITEN ZUM SEGELN

Waschmaschine.

Wie ein Zyklon wirbelt es alles wild herum.

Oder ist es eher wie ein sehr schnelles Karussell?

Es tut weh. Aber nicht so sehr, wie am Anfang. Da war es ohne die rote Leine eine harte Zeit: Keine neuen Rollen, keine Aufregung bei der Arbeit während der Nacht, überhaupt keine Aufregung bei der Arbeit – keine Arbeit! Keine tiefe Dunkelheit nachdem das gleißende Bühnenlicht verloschen ist. Nur das Leben.

Es fühlt sich an, als würde man mit zu leichtem Gepäck in der Hand durch einen Wirbelsturm fliegen.

“Was machst Du in der Waschmaschine?”, fragt Frau H. Aida K.

„Ich wollte ein paar traurige Gedanken waschen! Oh, tut das weh.“

Frau H. stoppt die Waschmaschine und holt Aida K. heraus.

„Durch Schmerzen erlangst Du bessere Fähigkeiten, um Deine Rote Leine wieder zu gewinnen. Das härtet ab. Segle auf dem Wasser (des Lebens). Wir sind alle Reisende. Der Frieden in Deinem Herzen gibt Dir die Kraft, die du brauchst, um gegen das Monster Sinnlosigkeit zu kämpfen. Auf der Reise mit dem Schiff sammelst Du Erfahrungen, die Dich weiterbringen können.“

„Warte, mein Kleid muss fertig sein. Ich habe es mit einem zusätzlichen Bleich-Ego-Programm gereinigt.“

“Das ist mein Mädchen! Hop-Hop, das Abenteuer wartet auf uns!“

 

 

 

1.d AUFGABE: NICHT ZU SAGEN, WAS Aida K. HÖREN MÖCHTE

Im Badezimmer

Aida K. steht vor dem Spiegel. Vor dem Beten nimmt sie den Abdest, eine rituelle Waschung vor. Als sie fertig ist, nimmt sie ihr Handtuch und trocknet ihre nasse Haut. Schon in Meditationsstimmung wiederholt sie flüsternd:

Bismilahi Rahman I Rahim. Gesicht, Hals, Arme, mach es trocken. Auch Irgendwo um das Brustbein herum, wo die Quelle ihres Wassers ist: Brustbein…

Frau H. betritt das Badezimmer.

“Mittag oder Nachmittag?”

“Mittag.” Sagt Aida K.

„Du bist zu langsam für den Mittag. Der Nachmittag kommt bald.“

“Ich weiß… Ich bin katastrophal.“

“Ja, das bist Du.”

“Es macht es nicht besser, wenn du so mit mir redest.”

„Meine Aufgabe ist es nicht, zu sagen, was Du hören möchtest, sondern was Du hören mußt. Nur wenn wir die Rote Leine wieder in unseren Besitz bringen, können wir das wahre Leben leben.

 Also, hopp-hopp, siehst du das Wasser nicht?“

 

 

 

1.e ROTES SEIL IN MAGNOLIEN WOLKEN

Frau H. trägt Gartengeräte, um im Garten zu arbeiten.

Dort sieht sie Aida K., die auf der Gartenbank sitzt und weint.

Frau H. kommt näher.

„Schau, wir machen Platz für neues Gras. Die Magnolienblüten sind verblüht . Wir sind alle nur Reisende. Schau das Gras an. Es erinnert uns an den Anfang des Lebens, wenn es wächst. Eines Tages werden wir darunter liegen, seine zarten Wurzeln spüren, die unsere Knochen streicheln.“

“Lass uns auf dem Wasser segeln…”

„… um das Monster beim Schlafen zu erwischen. Lass uns ein Wiegenlied singen.“

 

 

 

 

 

 

 

KAPITEL ZWEI: AUFGEBRACHT.

 

  1. a – JE MEHR SIE HABEN – DESTO MEHR LEIDEN SIE

Im Kleiderschrank

„Je mehr du hast, desto mehr leidest du“,

sagte eine Tante zu mir,

schau wie das Blut tropft –

von meinem Finger,

auf meine Kleidung und meine Schuhe.

Es war ein Spätsommer, ich schnitt mit einer Schere das Gras im Garten meines Elternhauses.

Ich war wütend, weil ich es tun musste.

„Frauenarbeit im Haus bedeutet auch Gartenarbeit.“ – sagt Frau H. und hält mir Ihre Hand entgegen, um mir beim Aufstehen zu helfen.

„Lass mich ein Stück Brot auf deine Wunde legen. So heilt es besser.”

“Das Monster ist nah, ich spüre meine Rote Leine.”

„Die Schmerzen werden vergehen…“

 

 

2.b ICH VERMISSE DICH

Terrasse auf dem Dach – kalt, verschneit und windig

Ich vermisse dich – vermisse, dich zu sehen. Vermisse es, zu sehen, wie es Deinen Orchideen geht und mir von Dir hundertmal ihre Namen sagen zu lassen… Ich vergesse sie immer, es tut mir so leid. Ich vermisse es, Kaffee aus der alten Dose zu nehmen, die mich an meine Großmutter, Deine Schwiegermutter, erinnert, die wir so sehr liebten. Ich vermisse es, im Garten hinter dem Haus zu sitzen, auf den Hügel vor uns zu schauen – zumindest den Teil des Hügels, der nicht von den neuen, großen Gebäuden verdeckt ist.

 Ich werde implodieren, Mama, (wo wir von Neubauten sprechen).

Ich brauche dich. Erzähle mir, wie du als Mädchen die Wäsche im Fluss gewaschen hast, auch wenn es geschneit hat und sie gefror.

Mama – manchmal kann ich die Wäsche nicht in die Waschmaschine geben. So viel kann ich nicht tun.

Denn wenn ich es nicht kann – kann ich es nicht. Ich habe auch eine Seele, Mama… Und ich muss mich darum kümmern… Es ist meine Pflicht, nicht die Verantwortung anderer.

Sing mir ein Schlaflied, Mama…“

“Bist du wieder da?” Sagt Frau H. zu Aida K. „Bist du verrückt! Du musst dich bewegen, wenn du dich wärmer fühlen willst. Der Mensch muss sich bewegen. Bewegung ist unsere Rettung. Du wirst wieder tanzen, beweg dich einfach. Kannst du die Nähe der Roten Leine spüren …“

 

  1. c. FRAU MUSS AUCH MANN SEIN

Waschmaschine

Frau H. schöpft Wasser mit einem Eimer aus dem Keller:

Wenn sie eine Frau sein will – eine Frau muss auch ein Mann sein. Zumindest mussten alle meine Frauen, auch Männer sein, um ihre Familien zu ernähren und ihre Häuser zu bauen…

Es ist einfach so.

„Wer Hausarbeit nicht mag, muss sein Geschlecht ändern. Nur als Mann musst du nicht im Haus arbeiten“, sagte meine Tante zu mir, als ich mich über die Menge der Hausarbeit beschwerte.

Eine Frau muss ein Mann sein.

Ein Mann muss keine Frau sein – das liegt an seiner Laune.

Frauen können auch eine Laune haben

Aber sie müssen trotzdem auch ein Mann sein.

Die Frauen aus meiner Heimat sind stark. Meine Mama, Schwester, Nichten, Großmütter, Tanten, Cousinen, Freundinnen…

Jeder ihrer Seufzer ist eine Ode an das Leben. Hart und schön. Voller Sorgen und Freude.

“Wenn Du eine von uns bist, kannst Du nicht glücklich sein“, sagen sie lachend.

“Ich bin glücklich”, sage ich weinend.

Währenddessen kaut das Monster Sinnlosigkeit auf meiner Roten Leine in einer versteckten Ecke meiner selbst.

 

  1. d. Andere zum Lächeln bringen ist Nächstenliebe

Im Badezimmer

 

„Ich beschließe, das Monster anzugreifen. Mein Herz schlägt im tanzenden Rhythmus, wenn ich an meine Rote Leine denke. Ich muss sie wieder gewinnen. Das Gepäck ist zu leicht. Ich könnte vielleicht etwas mehr Make-up in den Koffer hineinlegen!“

 

„Bereite deine Geschichten von der rechten Schulter aus vor. Sie sind wichtig!”

“Mir fehlen die Geschichten.”

„Dann geh und erlebe welche!“

(Ich gehe am Spiegel vorbei,

mit dem Gepäck in der Hand:

„Cao lutko! Ja sam Sutko. Moj drug Ramo – hajde da se upoznamo.)

Es ist so leicht, andere zum Weinen zu bringen. Die Wirklichkeit ist schon grausam genug. Andere zum Lächeln zu bringen ist viel schwerer. Das ist sadaka – Nächstenliebe. Eine gute Komödie ist ein Akt großer Liebe an die Menschheit. Warum kann ich das nicht auch in deutscher Sprache?“

  1. e. HAST DU GEPINKELT

Picknick im Garten

In meiner Heimatstadt gibt es einen Witz:

In der Disco sieht ein junger Mann ein junges Mädchen, er ist direkt verknallt in sie. Aber er hat keinen Mut, sie anzusprechen. In einem Moment geht dieses Mädchen auf die Toilette und er geht ihr nach. Sie geht hinein, und er wartet vor der Tür auf sie. Er positioniert sich gemütlich an die Wand gelehnt. Er versucht, entspannt auszusehen und als sie herauskommt, fragt er sie: „Na du!? Hast du gepinkelt?“

Und das ist ein Witz? (Der Beste, den ich kenne.)

Egal, ob wir Angst haben jemanden anzusprechen, wir können immer einen Weg finden. Für eine gute Unterhaltung ist das Zuhören genauso wichtig wie das Reden. Ich bin nur gar nicht lustig.”

„Ich weiß, dass sich einige Männer in dich verlieben, weil sie Dich lustig finden.“

 Ach, Meine Liebe, sie hatten offenbar Pech gehabt.

*

(Mein Herz schreit “geh weg!”

Wenn ich in Gedanken zu dir komme.

Es ist heiß, schwer zu ertragen,

Mir ist kalt,

Aber es bereitet mir mehr Schmerzen

und schenkt mir nicht die Freude der Wärme.

“Weglaufen! Hörst du mich: Lauf weg!“

Ich wiederhole mich voller Angst,

Aber es ist mir egal

Ich will es nichts vortäuschen

und ich bin in Gedanken bei Dir.

Ich frage dich, während du mein Spiegelbild beobachtest:

“Hast du gepinkelt?”)

*

Aida K. und Frau H. liegen auf der Decke zwischen den Blumen im Garten.

„Ich erinnere mich, wie es war, ich selbst zu sein. Das lässt mein Herz in meinem alten Rhythmus schlagen. Dieses Gefühl macht mich stark, stark genug, um das Monster Sinnlosigkeit anzugreifen. Die Zeit wird knapp, ich bereite mich vor, über die Bühne nachzudenken. Das Monster Sinnlosigkeit hat Angst vor der Bühne. Und die Bühne kann so sein, wie ich es will.

„Elhamdulila, du lernst langsam.“

„Ich werde es nicht vergessen.“

„Du musst nicht. Aber vergib.“

“Ich werde es tun.”

 

 

 

DRITTES KAPITEL: STEIGENDE FALLENDE SEGELN STEHEN

WASSER

3.a. WASSER IST ZUM SEGELN, NICHT UM ZU ERTRINKEN

So fühlt es sich also an. Im Wasser…? Im Wasser. Die Quelle von Leben und Tod. Ich hatte immer Respekt davor. Schwimmen mochte ich nicht. Auch wenn ich die Struktur des Wassers und das Gefühl davon umgeben zu sein mochte: Leichter Druck auf meiner Haut mit zarten Berührungen wie von tausenden von Schmetterlingen. Sie landen auf mir und bewegen langsam ihre Flügel. Eine transzendentale Schaukel gemacht aus roter Leine : bewegt mich mit den Schmetterlingen auf meiner Haut auf und ab. Auf und ab, auf und ab…

Aber ich habe dem Wasser nie ganz getraut. Ich wusste, dass es mir irgendwann in irgendeiner Form bis zum Hals stehen würde… Jetzt? Jetzt. Es ist Zeit.

 

  1. b. Nicht mit mir

Das Monster Sinnlosigkeit kommt aus verschiedenen Ecken, um mich zu verwirren. Es greift meinen Humor an, meine starke Stimme, es zerstört alle meine schönen, großen Hüte, alle meine verrückten Kleider. Es will mich klein machen. Ich soll mich verlieren, damit es mir meine Freude, mein Lachen und mein Glück nehmen kann.

„Du kannst es vergessen. Vergiss es einfach. Nicht mit mir. Nicht für all die Seufzer meiner Mutter, die traurig war – wegen mir. Nicht für die Streitereien mit meinem Mann. Nicht für die Angst, die Liebe zu verlieren, nur um mein Leben zu leben, wie ich es leben muss, ohne es zu spielen.

Ich kann meine Rote Leine riechen. Der Geruch kommt durch meine Nasenlöcher in meine Lungen und gibt mir Kraft. Ich segle durch meine Stürme, auf den Schiffen meiner Dimijas – das ist ein großes Trachtenkleid aus 12 Meter Stoff: Ich fliege mit den Vögeln, die laut das Lied der Schönheit des Lebens singen.

3.c

Mein Wasser ist mein Blau, hergestellt aus meinem Rot. Mein Wasser läuft zu meinen Blumen, um sie zu wässern. Die kostbare Flüssigkeit kann mir nichts anhaben. Sie zeigt mir den Weg. Sie läuft in Kurven und Wellen, klar und stark… Ich mag den Sound. Shshshshsshshshhhhhh… Schshshshshshshhhhh… Geräusch  des Lebens… Mein Blau (Wasser) aus meinem Rot gemacht, bereitet mich auf das Weiß (Baumwolle) vor.

Meine Rote Leine ist wieder in meinen Händen. Monster Sinnlosigkeit ist tot oder hat sich irgendwo versteckt. Es hatte keine Kraft mehr.

Ich rieche meine Rote Leine, ich weine vor Rührung…

3.d.

„Genug mit Gejammer! Putze das Badezimmer, wenn Du schon mal da bist. Wer arbeitet, hat keine Zeit, traurig zu sein. Dokonom coveku shejtani su ahbabi. Ein Mensch ohne Arbeit hat den Teufel zum Freund. Arbeite – so stehst du auf.

  1. e. Don’t talk – show!

Ach, ganz sicher! Wie konnte ich das nur vergessen…? Mama hat immer gesagt, Mädchen haben keine Zeit zum Sitzen. Klingt komisch –  sie arbeiten, um auf keine schlechten Gedanken zu kommen… Aber ich mag es, es ist wie eine Schulter, an die man sich anlehnt, um zu Weinen. Auch von Freude. Ich hatte vergessen, dass ich es habe. Deshalb fühlte ich mich so verloren. Nicht, dass ich das Theater verloren hätte. Meine Leidenschaft war die ganze Zeit in mir…

„Und das führt uns zu einer anderen Bühnenregel: Don’t talk – show. Komm jetzt, es ist Zeit für die Arbeit. Mit Bismilahi!“

 

 

Euzubilahi minneshejtani radzim bismilahi rahmanirahim.

KAPITEL VIER: LANDUNG STEHEN BEWEGEN

  1. a. WIR SIND ALLE REISENDE– WIR MÜSSEN UNS BEWEGEN

 Crosstrainer/Karussell

„Ich bereite mich auf den Umzug vor. Ich ordne meine Kleider: zuerst rot, dann blau, dann schwarz, dann blau, dann grün, dann blau, dann gelb, dann blau. Dann Rrrrrot. Am Ende kommt Weiß. Als Statement. Auch Stoff ist ein Statement: Vor allem der weiße Baumwollstoff bedeutet, dass die Rote Leine wieder in meinen Händen liegt. Es bedeutet Verständnisvolles Lächeln in den Spiegel.

„Wir sind alle Reisende, wir müssen uns bewegen. Aber ich bin sicher, wir treffen uns auf der anderen Seite. Die Rote Leine wird uns wieder zusammenbringen.“

„ Dirli dirli dirli dam – pupupi doo, bu!“

 

 

  1. b. HEISSLUFTBALLON

Terrasse auf dem Dach. Es ist windig.

Aida K. ordnet ihren Schal zum Fliegen. Sie macht Knoten um ihre Hände und bewegt ihre Hände, um zu sehen, ob die Knoten stark genug sind. „Aida K.! Gut, dass Du da bist!”, sagt Frau H. die die Treppe zum Dach hinaufsteigt. „Ich brauchte Dich, um mir beim Geschirr Abtrocknen zu helfen.“

“Oh, Manno! Das kann ich später machen. Zuerst hilfst du mir, zu fliegen. OK? Du musst mich nur schubsen, ich bin fast fertig.“

“Oh, ich wäre nicht so mutig.”

„Aber ich! Und ich bin soweit. Komm und schubs mich.“

„Nein, es ist unmöglich so fliegen. Dazu braucht es mehr als Du hast. Du brauchst etwas, das Dich in der Luft hält, das Dich trägt. So etwas wie meine Hose. Sie ist wie ein Ballon aus 12 Metern Stoff.“

„Oh, gib sie mir! Ich werde diesen Ballon mit meinem Feuer bewegen, also wird es ein Heißluftballon!“

„Das Geschirr kann auch noch eine Stunde warten. Lass uns zusammen fliegen.“

Gerne!

„shshshhhhhhhhhhh!“

 

  1. c. EGO BLEACHING

In der Waschmaschine

„Wenn du weiße Baumwolle als Statement trägst – stehst Du dem Schicksal furchtlos gegenüber: Dann muss alles sauber perfekt sein. Ich habe es viele Male versucht, aber es ist immer noch zu sehen. Schau! Wo die Liebe war, da tut es noch ein bisschen weh. Nur ein bisschen, aber möchte ich nicht so.“

„Hast du versucht, es zu heilen, indem du anderen geholfen hast?“

„Ja, das habe ich. Aber anderen zu helfen ist keine Umarmung … und die Flecken sind immer noch sichtbar. Siehst du…“

“Es ist auf jeden Fall besser als es war.”

„Aber immer noch nicht gut genug. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt und ob ich es noch einmal versuchen soll.“

„Natürlich versuchst du es! Auf der anderen Seite könnte es kalt oder extrem heiß sein. Weißer Stoff schützt Dich nur, wenn er sauber ist. Also, versuch es immer wieder. Mach es mit einem zusätzlichen Programm, einschließlich “Ego-Bleaching”.

„Besser „Ego“ als „Alter-Ego“

“Ha. Ha. So lustig.”

„Zumindest ein Versuch auf Deutsch. Ich bin nervös. Es tut mir leid.”

“Ich weiß Baby. Und du hattest sowieso nie einen guten Sinn für Humor.“

“Ich kenne Männer, die mich dafür liebten, lustig zu sein, wenn ich nicht versuchte, lustig zu sein.”

„Aida K. Du fängst wieder an. „Ego Waschen mit extra Schleudern.“

 

 

 

  1. d ICH WERDE DICH NICHT FRAGEN, OB DU GEPINKELT HAST

Das Badezimmer voller Wasserdampf. Aida K. liegt in der Badewanne

Frau H. wäscht Ihr den Rücken.

“Fühlt sich gut an zu helfen.” Sagt Frau H.

“Ich weiß. Ich habe es versucht. Manchmal war meine Hilfe so ungeschickt, dass ich es nur noch schlimmer machte.“

“Vor allem, wenn du es aus Liebe gemacht hast.”

„Weißt du was: Ich habe vergessen, zu pinkeln. Gib mir bitte ein Handtuch. Ich mach das schnell.“

“Ich warte draußen.”

“OK.”

“Ich werde dich nicht fragen, ob du gepinkelt hast.”

„Nein, nicht nötig. Wir wissen, wie wir jemanden ansprechen, ohne ungeschickt zu sein.“

“Hängt davon ab, wen.”

„Du bist heute so philosophisch. Beweg dich, sonst pinkele ich hier und jetzt.“

“Ich bin schon weg.”

 

  1. e WEIßES BAUMWOLLKLEID

 Im Garten.

Aida K. sammelt die Blütenblätter der Magnolie auf und legt eine Wolkenform auf dem Boden. Frau H. arbeitet im Garten.

„Sei vorsichtig, Du zerstörst die Form. Es soll eine Magnolienwolke sein. Komm, leg die Gartengeräte weg, ich zeig dir was! Pass nur auf, dass Du nicht in diesen Vogelschiss trittst – der ist ganz frisch.“

Frau H. kommt.

Aida K. legt sie in die Wolke. Frau H. leistet keinen Widerstand. Aida K. legt sich neben sie.

  1. „Hast Du jemals davon geträumt, in einer Magnolienwolke mit mir zu fliegen?“

„Mein Kleid ist zu eng; ich kann so nicht atmen.“

  1. „Zieh es aus, du bist sowieso underdressed.”

“Ich dachte, ich wäre immer overdressed.”

„Trage dieses weiße Baumwollkleid. Es ist jetzt sauber. So kannst Du Deinem Schicksal vorbereitet gegenübertreten. Schließe deine Augen. Ich gebe dir ein gelbes Pferd, um darauf zu reiten. Die Rote Leine liegt in Deinen Händen. Wie fühlt sich das an?”

“Ich lebe mein Leben. So fühlt es sich an.”

„Jetzt sind wir vorbereitet. Dann fliegen wir… Shshshshshs……“

 

 

 

FÜNFTES KAPITEL: FLIEGEN IM FALLEN

 Lieber Allah,

  1. Ich werde mich jetzt nicht verteidigen. Wir wissen beide, wer ich bin. Du kennst mich von Anfang an. … Ich hätte mich viel früher mit Dir beraten sollen. Es tut mir leid, dass ich das nicht getan habe. An Deine Barmherzigkeit zu glauben bedeutet, zu hoffen, dass du verstehst, warum ich es nicht getan habe. Es gab so viele verschiedene Herausforderungen, auf die ich nicht richtig reagieren konnte.

Ich bin ein Mensch, kein oberflächliches Wesen, elhamdulila!

  1. Und darum geht es: danke, dass du mich menschlich gemacht hast. Du hast mir das Leben zum Geschenk gemacht: lebenswert und immer aufregend.

Tut mir leid, dass ich manchmal so getan habe, als würde es mir nicht gefallen.

Es ging nicht um das Geschenk – ich war es selbst.

Oh, ich wusste nie mit Geschenken umzugehen:

„Du solltest Dich nicht so in Unkosten stürzen! Oh! Schau Dir diese Verpackung an, wie schön sie ist. Es hat Dich sicher Mühe und Zeit gekostet! Danke, das war nicht nötig!“ Und so weiter… Das weißt du…

Vielen Dank. Es ist schön. Es ist aufregend von Anfang an: Meine Familie hat sich um mich versammelt als ich ein ganz kleines Mädchen war, um zu hören, wie ich rede, jeden Tag der Woche, Monate, Jahre…

Mein Sohn sagt mir, dass er so stolz auf mich ist, weil ich das, was ich liebe, jetzt auch hier fern der Heimat mache.

Früher wusste ich, dass ich laut sein kann. Deine Anwesenheit und Stärke war immer spürbar. Stärke hat nichts mit Lautstärke zu tun – gute alte Bühnenregel. Ich flüsterte, aber eigentlich schreie ich – Du hast mich gehört und du hast mir Engel geschickt, die mein Flüstern gehört haben.

  1. Du hast meine Geduld auf die Probe gestellt. Geduld ist eine wertvolle Tugend und wird belohnt, auch wenn es manchmal weh tut. Es kann Dich teuer zu stehen kommen, wenn Du Dich nicht um Dich selbst kümmerst.

Ich habe das nicht immer getan und es war so dumm von mir – ich bin es eben manchmal. Aber eigentlich weiß ich, dass ich klug bin – und weise. Im Allgemeinen zumindest. Auch Dein Geschenk hat einen gewissen Charme. Siehst du, ich habe mich gefunden. Ich steuere mein Schiff nach dem Wind, den Du mir schickst und meine innere Stimme flüstert wieder zu mir.

  1. Alle Engel und Menschen – Du hast sie mir geschickt .

 Süß ist gut für das Herz

Bitter für die Leber.

  1. Elhamdulila!. Meine Rote Leine ist bei mir und mein weißes Baumwollkleid ist vorbereitet.

Shshshshshshshs…